Jeder, der schon einmal auf der Bühne gestanden hat, kennt dieses unheimliche Gefühl, dass einen kurz vor dem Auftritt befällt. Der Text ist komplett weg, plötzlich muss ich auf Toilette und ich könnte alle zwei Minuten meine Klamotten wechseln. Das Lampenfieber hat mich voll im Griff. Aber was passiert, wenn das Lampenfieber Kontrolle über dich gewinnt und wie kannst du das verhindern? Dazu schauen wir uns mal einige Beispiele aus dem Spitzensport an.

Lampenfieber hat Auswirkungen auf deine Performance

Während eines Wettkampfs macht jeder noch so kleine Zweifel ein Scheitern wahrscheinlicher: Zweifel erzeugen Nervosität und lässt die Muskeln zittern oder verkrampfen. Ein Golfer kann so am Loch vorbei spielen und ein Turner vom Reck fallen.

Außerdem beanspruchen Zweifel wertvolle Konzentration, die anderswo dringend gebraucht wird. So wird auch ein Spitzenschauspieler wie George Clooney, wenn ihn aus irgendeinem Grund Selbstzweifel plagen, wichtige Signale seines Spielpartners schnell übersehen oder einen Fehler machen.

Nervosität kann auch zu einem temporären Gedächtnisverlust führen – das ist dann das sogenannte Black Out vor einem öffentlichen Auftritt.

Und wie klappt es dann mit der Höchstleistung?

Nur wer eine Herausforderung mit der richtigen Einstellung angeht, kann Höchstleistungen erbringen, denn bekanntermaßen ist unser Geist in der Lage, den Körperzustand stark zu beeinflussen. Denken wir an den Placebo-Effekt, bei dem eine gesundheitliche Verbesserung nach einer Behandlung, die medizinisch als unwirksam gilt, durch den Glauben des Patienten eintritt. Ernsthaft verletzte Soldaten, denen im Krieg aus Mangel an Medikamenten Kochsalzlösung injiziert wurde, litten weniger Schmerzen, solange sie dachten, sie würden Morphin verabreicht bekommen.

So ähnlich funktioniert es auch auf der Bühne. Der Glaube daran, in Höchstform zu sein, macht es dem Körper leichter, zu funktionieren. Spitzensportler können auf diese Weise ihre Konzentration verbessern, die Ruhe beim Wettkampf bewahren und ihren Körper sicherer kontrollieren.

Ein guter Schauspieler muss also sein Gehirn dazu bringen, daran zu glauben, dass sein Auftritt richtig gut wird – erst dann kann der Körper sein volles Potenzial ausschöpfen.

Balancieren muss gelernt sein

Stell dir vor, du bist auf einer Party und balancierst zwei volle Gläser Rotwein. Um zu deinen Freunden auf der anderen Seite des Zimmers zu kommen, musst du über den extrem teuren Perserteppich. Wie reagierst du? Vermutlich indem du deine Bewegung auf zeitlupenartige Minischritte reduzierst und deinen Blick fest auf den gefährlich schaukelnden Wein in den Gläsern heftest.

Unser Hirn beherbergt zwei Systeme: Das eine heißt explizites Hirnsystem. Dieses System ist mit unserem Bewusstsein und unserer Sprache verknüpft und ist ziemlich langsam. Es ist aktiv, wenn ein Bewegungsablauf bewusst kontrolliert werden muss, etwa weil er neu ist. Ein Anfänger im Stepptanz muss z.B. versuchen, sich die Abfolge der Schritte einzuprägen und dabei bewusst jeden einzelnen überprüfen, damit er sich nicht vertanzt.

Das andere System ist das implizite Hirnsystem, das aktiviert wird, wenn wir einen Ablauf automatisch umsetzen. Es erlaubt uns Bewegungen  schneller und flüssiger auszuführen und kann mehrere Aufgaben simultan in Schach halten.

Wenn wir eine bestimmte Fertigkeit erst einmal erworben haben, wird diese impliziert, das heißt sie passiert von da an automatisch. Wir können uns dann zeitgleich auf andere Dinge konzentrieren, während wir den automatisierten Prozess ausführen. Fred Astaire konnte während einer Stepptanznummer z.B. noch singen oder Klavier spielen.

Stehen wir allerdings unter psychischem Druck – beispielsweise Angst oder Erfolgsdruck –, übernimmt oft das explizite System wieder und wir werden uns jeden unserer Schritte bewusst.

Herausfordernde Aufgaben können solchen Druck erzeugen, vor allem wenn wir sie unbedingt gut erledigen wollen und ein Versagen unangenehme Konsequenzen hätte. Wenn du wie im Beispiel oben mit den Weingläsern über den Teppich balancierst, malst du dir dabei wahrscheinlich den Ärger des Gastgebers aus, würdest du seinen Perser ruinieren. Die Angst zu versagen führt dazu, dass du dich verhältst, als würdest du zum ersten Mal in deinem Leben Weingläser durch einen Raum tragen.

Wenn wir eine wichtige Aufgabe ausführen, die auf keinen Fall misslingen darf, verfallen wir also auch bei Tätigkeiten, in denen wir geübt sind, in einen Verhaltensmodus, der typisch für jemanden ist, der die Fertigkeit erst noch lernen muss.

Folgendes Albtraumszenario ist fast allen Top-Athleten bekannt: Es kommt zu einem Wettkampf, der über ihre Karriere entscheiden wird. Obwohl sie extrem gut vorbereitet sind, haben sie im entscheidenden Moment plötzlich nur noch die Fähigkeiten eines Anfängers.

Ein Profisportler hat die nötigen Übungsstunden hinter sich, um sein implizites Hirnsystem benutzen zu können und so komplexe Aufgaben zu bewältigen. Muss er seine Fähigkeit jedoch unter allzu starkem Druck beweisen, delegiert das Hirn die Aufgabe an den expliziten Teil und es kommt zum choking – eine Art Black Out, bei dem der Athlet wieder bewusst Kontrolle über seine Handlungen übernimmt und damit die Fähigkeit verliert, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. So landet ein Topfavorit schnell mal auf dem letzten Platz.

Um diesen Effekt zu vermeiden, müssen sich Profisportler selbst austricksen und sich einreden, dass der Wettkampf völlig irrelevant ist – je weniger das stimmt, desto wichtiger ist das Gelingen dieser Strategie. Denn mit dem Druck steigt auch das choking-Risiko.

Je mehr der Athlet dagegen von der Unwichtigkeit des  Ausgangs überzeugt ist, desto weniger Druck verspürt er, der ihn versagen lassen könnte. Ein Tipp dazu: Du musst dir  etwas im Vergleich zum Wettkampf viel Wichtigeres vorstellen. Die Menschen, die man liebt, die Familie oder die eigene Gesundheit etwa wiegen viel schwerer. Indem du dir das vor Augen rufst, verliert der Auftritt an Gewicht und der Druck verflüchtigt sich.

So kann auch das implizite Hirnsystem wieder zum Zuge kommen und dem Erbringen der erwartet hohen Leistung steht nichts mehr im Weg.

Um ein herausragender Schauspieler zu werden, muss die Bühne natürlich zur Priorität werden – Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Paradoxerweise führt das aber manchmal dazu, dass der beste Ratschlag im entscheidenden Moment der Karriere ist, sich zuzusprechen „Es ist nur Schauspiel, es ist nicht so wichtig” um vor einem Leistungseinbruch zu bewahren.

Höchstleistungen erbringt, wer so lernt, dass es die nötigen Veränderungen im Hirn hervorruft und somit den restlichen Körper fit macht. Da macht es kaum Sinn ein Theaterstück nur einmal,  Samstagabend, kurz zu proben. Auf dem Weg zu Exzellenz braucht es den unerschütterlichen Willen, hoch hinaus zu wollen, aber die Kraft, Niederlagen wegzustecken und aus Fehlern zu lernen.

Wenn man diesen mentalen Sprung schafft, dann wirst du nicht mehr so schnell vom Lampenfieber kontrolliert und zudem geht dein Auftritt vor der Gemeinde auch noch unter die Haut.

Viel Erfolg!