In vielen Ländern und auch in unserer Kultur werden großartige Leistungen oft mit göttlicher Berufung, besseren Erbanlage oder großem Talent erklärt. Schauspieler werden bewundert und oft höre ich Sätze wie: „So gut wie der wäre ich auch gerne einmal.“ Oder: „Sowas könnte ich nie.“ Aber stimmt das denn auch? Stimmt es, dass manche Menschen mehr, die anderen weniger Talent fürs Schauspielen haben? Wir gehen der Sache mal auf den Grund.

Eine Randbemerkung zum Thema „Schauspieler“: Prinzipiell kann sich jeder Schauspieler nennen, da die Berufsbezeichnung „Schauspieler“ kein geschützter Begriff ist.

Wunderkinder gelten bei uns als Musterbeispiele dafür, dass es Menschen gibt, denen ein herausragendes Talent in die Wiege gelegt wird. Nehmen wir etwa Mozart, der die Welt mit seinen musikalischen Fertigkeiten bereits im zarten Alter von sechs Jahren vollkommen verzauberte. Mit seiner Genialität – meinen wir – sei er von Beginn seines Lebens an gesegnet gewesen.

Tatsächlich entspricht diese Annahme jedoch keinesfalls der Wahrheit. Als der  sechsjährige Mozart durch Europa tourte und seine außergewöhnlichen Leistungen am Piano gefeiert wurden, hatte er bereits 3500 Stunden Musikunterricht hinter sich. Im Vergleich zu anderen Pianisten, die dieselbe Anzahl an Stunden geübt hatten, waren seine Auftritte gar nicht so unvergleichlich – es war nur eben sehr früh für eine solche Leistung. Eine solch intensive routinierte Übung kann jedermann überragende Fähigkeiten einbringen.

Es gibt da leider ein kleines soziales Problem: Bist du ein “fixed mindset” oder “growth mindset“?

Die Macht der Gemeinsamkeiten

Stell dir ein Kind vor, das angestrengt daran tüftelt, sein Lieblingslied nach Gehör nachspielen zu können. Es verbringt ganze Nachmittage am Piano, um endlich die richtigen Töne zu finden. Wenn das Original dann letztendlich zu erkennen ist, wird es aufhören so ehrgeizig an seinem Projekt zu arbeiten, um sein Spiel noch zu verbessern.

Dieses Beispiel ist von einer gewissen Allgemeingültigkeit: Die meisten Menschen üben nicht entschlossen genug, um wirklich gut zu werden. Wenn wir etwas lernen wollen, tendieren wir dazu, nur solange zu üben, bis wir fähig sind, mit anderen aus unserem Umkreis mitzuhalten. Auf diesem Level angekommen, trainieren wir meistens nur noch das, was wir ohnehin schon können. Wir stellen uns keinen neuen Herausforderungen mehr, sondern wenden das Erlernte nur noch im Autopilot-Modus an.

Das Kind spielt wochenlang seine passable Version des Lieblingssongs und verbessert dabei weder diese, noch lernt es etwas anderes dazu.

Schauen wir uns dagegen die Besten auf einem Gebiet an, erkennen wir schnell, dass diese nicht zufrieden mit den Aufgaben sind, die sie bereits gemeistert haben, sondern nach Fähigkeiten streben, die über ihrem aktuellen Horizont liegen.

Der Versuch, eine anspruchsvolle Leistung zu vollbringen, die zunächst noch außer Reichweite zu sein scheint, zwingt dich immens zu fokussieren und gibt deinem Kopf und Körper starke Impulse.

Natürlich kannst du bei einer völlig neuen Herausforderung auch mächtig auf  die Nase fallen. Aber auch eine Niederlage lässt sich in Erfolg umwandeln. Zu einem intensiven Training mit dem Ziel, neue Fähigkeiten zu erlangen, gehören auch Misserfolge. Gerade von ihnen kannst du viel lernen. Denn Misserfolg ist eine wichtige Informationsquelle, weil er sofortiges Feedback mit sich bringt und dir so zeigt, welche Fähigkeiten dir für die Lösung einer Aufgabe noch fehlen. So kannst du viel über deine Stärken und Schwächen lernen und deine Trainingstechnik entsprechend anpassen.

Stell dir vor, du bist unter den Top zehn bei einem Marathon. Was denkst du: Warst du erfolgreich, weil du zum Läufer geboren wurdest? Oder weil du konsequent auch bei Regen, Sturm und schlechter Laune trainiert hast.

Starres Mindset vs. wachsendes Mindset

Wenn du die erste Erklärung vorziehst, würden Psychologen dir ein „fixed mindset“ attestieren – die Einstellung, dass Erfolg von etwas abhängt, das du nicht beeinflussen kannst, wie z.B. von den Genen.

Wird jemand mit einer solchen Einstellung als untalentiert eingestuft, wird er sich nie genug Mühe geben, um es dort zu Erfolg zu bringen. Er wird sich nicht einmal verbessern wollen, weil er daran glaubt, dass ihm die dafür nötigen  Voraussetzungen fehlen. Warum sollte er also viele Stunden anstrengenden Trainings auf sich nehmen?

Aber auch jemand mit derselben Einstellung, der davon ausgeht, eine natürliche Gabe zu haben, wird die entscheidenden Schritte zum ganz großen Erfolg nicht gehen. Denn wenn er vom Schicksal oder seinen Erbanlagen so begünstigt ist, wozu soll es dann noch nötig sein, intensiv zu üben?

Darius Knight etwa, ein vielversprechender Tischtennisspieler, wurde einst für sein außergewöhnliches Talent in den Himmel gelobt und speckte daraufhin sein Trainingsprogramm ab. Er dachte, jemand mit seinem Talent habe es nicht nötig, so viel zu trainieren. Seine Leistungen sanken folglich in den Keller. Er verbesserte sich erst wieder, als ein neuer Trainer ihn motivieren konnte, sich aktiv um Erfolg zu bemühen, anstatt sich auf seinem Talent auszuruhen.

Ein fixed mindset kann außerdem dazu verleiten, zu schnell aufzugeben. Wenn wir mit der falschen Einstellung etwas Neues lernen, nehmen wir allzu häufig einen kleinen Rückschlag schon zum Anlass, die Flinte ins Korn zu werfen, weil wir ihn als Beweis dafür werten, nicht für die Aufgabe geschaffen zu sein.

In einer Studie wurde Kindern mit unterschiedlichen mindsets aufgetragen, immer anspruchsvollere Puzzle zu lösen. Kinder mit einem fixed mindset begannen bei der ersten auftauchenden Schwierigkeit ihre Intelligenz anzuzweifeln, wendeten plötzlich ineffektivere Strategien an und gaben schließlich auf. Die Kinder mit einem growth mindset hingegen, die gelernt hatten, dass man durch Übung immer besser wird und sich in allem entwickeln kann, stellten sich der Herausforderung. Sie bemühten sich, wurden desto erfinderischer, je schwieriger die Puzzle waren und konnten die Aufgabe so letztendlich  lösen.

Das Ergebnis der Studie macht deutlich: Wollen wir es zu Erfolg bringen, sollten wir uns bei Rückschlägen nicht von der Annahme, uns mangele es an Talent, zurückpfeifen lassen. Zeigen wir uns trotz Schwierigkeiten begeisterungsfähig und beweisen Ehrgeiz und Durchhaltevermögen, können wir unser Ziel erreichen.

Wenn es ums Profigolfen ging, war Südkorea immer eher ein unbedeutender Kandidat. Nachdem jedoch die Golferin Se Ri Pak 1998 die LPGA Championships gewann, stieg die Anzahl der erfolgreichen südkoreanischen Golfer in der LPGA Tour sprunghaft an. Dies war kein Zufall.

Die Gründe liegen in einem Phänomen, das „motivation by association“ heißt. Es bedeutet, dass sich das Vertrauen von Menschen in ihre eigenen Fähigkeiten und Erfolgschancen erhöht, wenn sie Gemeinsamkeiten zu einer erfolgreichen Persönlichkeit entdecken. Dies beruht auf einem basalen menschlichen Motiv: dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Durch ihn tendieren wir dazu, uns mit anderen zu identifizieren – auch aufgrund völlig zufälliger Parallelen. Im Falle der südkoreanischen Golfer war es nichts weiter als die mit Se Ri Pak gemeinsame Nationalität, die sie anspornte.

Ein Experiment zeigt, wie diese Motivation funktioniert. Darin sollten Studenten an unlösbaren mathematischen Knobelaufgaben arbeiten. Davor hatten sie einen Bericht über einen fiktiven herausragend erfolgreichen Mathematik-Absolventen gelesen. Wurde dessen Geburtsdatum auf das der jeweiligen Probanden gelegt, grübelten diese im Schnitt 65% länger über dem Rätsel, als Mitstreiter, die keinen Bezug zu dem Absolventen hatten. Die zufällige Parallele ließ sie glauben, dass auch ihre mathematischen Fähigkeiten ähnlich groß sein könnten und verhalf ihnen so zu mehr Motivation, die Aufgabe lösen zu wollen.

Um ein herausragender Schauspieler zu werden, muss die Bühne natürlich zur Priorität werden – Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

  1. Wenn du demnächst einer Aufgabe nervös gegenüber stehst, sprich dir selbst Mut zu, dass du dein Ziel auf jeden Fall erreichen wirst.
  2. Wage neue Herausforderungen – Besuche zum Beispiel mal ein Schauspielseminar, lies ein Buch über Schauspielerei, gründe eine Theatergruppe, spiele viel auf der Bühne.
  3. Umgib dich mit Menschen, die besser sind als du – Suche dir Vorbilder, rede mit Schauspielern. (In unserer Datenbank findest du den einen oder anderen oder triffst ihn sogar auf unseren Seminaren).
  4. Das kannst du für ein Kind tun: Lobe es für seine Bemühung, eine Aufgabe zu bewältigen. Wenn du ein Kind zu hohen Leistungen motivieren willst, sollte sein Engagement gelobt werden, denn das stärkt den Glauben in die Fähigkeit, sich durch Anstrengung zu verbessern. Mache ihm dagegen keine Komplimente für sein Talent.

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