Kreativität erfordert Offenheit. Offenheit erfordert Vertrauen. Und Vertrauen ist ein grundlegend wichtiges Element, wenn es darum geht, mit einer Theatergruppe zu arbeiten.

Mit verschiedenen Schauspielgruppen habe ich selbst erfahren, wie wichtig Vertrauen innerhalb der Gruppe ist und wie nützlich es für die Qualität der Schauspielarbeit ist. Aus diesem Grund möchte ich dir meine Gedanken (und die anderer Autoren) zu diesem Thema nicht vorenthalten.

Warum Vertrauen wichtig ist

Das Ensemble einer Theatergruppe wird über einen mehr oder weniger langen Zeitraum zusammen arbeiten. Es wird immer wieder persönlicher Austausch stattfinden. In Proben oder bei Aufführungen kann es zu Körperkontakt kommen, was mit einer fremden Person sehr unangenehm sein kann. Damit sich jedes Mitglied einer Theatergruppe auch wirklich wohl fühlt und frei ist, sich mit einzubringen, braucht es Vertrauen.

„Für das produktive Agieren in einem Ensemble ist es wichtig, keine Berührungsängste zu haben und auch nahen Körperkontakt der Mitspieler auszuhalten. Die Grundlage dafür ist gegenseitiges Vertrauen. Es ist oberstes Gebot, dass niemand dieses Vertrauen ausnutzt und v.a. dass ihr die körperlichen Grenzen eurer Mitspieler respektiert.“

– Malte Pfeiffer, Volker List: Kursbuch Darstellendes Spiel

Um mit einer Theatergruppe schnell konstruktiv arbeiten zu können, solltest du dich als Theaterleiter von Anfang an dem Thema ‚Vertrauen aufbauen‘ widmen! Und zwar Vertrauen sowohl unter den Mitgliedern, als auch von der Gruppe bzw. jedem Einzelnen zu dir als Leiter.

Fehlendes Vertrauen blockiert die Kreativität und hindert den Gruppenbildungsprozess, weil man Angst davor hat, Fehler vor anderen zu machen. Niemand holt das Letzte aus sich heraus, obwohl da noch so viel Potenzial wäre. Im Umkehrschluss wirkt sich das auf den Gesamteindruck einer Theatergruppe aus: sie wirkt unsicher, sie hält nicht fest zusammen und die Leistung schleift auf halbem Level. Eine Gruppe funktioniert aber dann gut, wenn sich jeder immer mehr zutraut, wenn man sich gegenseitig unterstützt, alle gemeinsam ein Ziel verfolgen, wenn man anfängt, gemeinsam aus Fehlern zu lernen. Vertrauen ist Voraussetzung.

Wie Vertrauen aufgebaut werden kann

Hier kommt nun die Top 5, wie du in deinem Theaterteam Vertrauen aufbauen kannst:

#1 Transparente Arbeit

Als Theaterleiter solltest du deine Arbeit transparent machen und glaubwürdig sein. Wenn du mit deiner Theatergruppe nicht gemeinsame Sache machst, wird zwischen euch niemals Vertrauen wachsen. Arbeite mit klaren Strukturen in den Proben und im gesamten Projektprozess – das gibt Orientierung. Zum Beispiel kannst du am Anfang einer Probe sagen, was das Ziel der Probe ist und was du vorhast. Natürlich kommt es oft anders als geplant (Tja, Kunst!), aber wenn jeder weiß, woran er ist, fällt es auch einfacher, gemeinsam zu experimentieren. Am Ende einer Probe darf gern eine Übung stehen, die jeden mit einem guten Gefühl nach Hause gehen lässt. Dann kommt auch jeder gern wieder.

#2 Wertschätzender Umgang

Als Leiter solltest du auch dafür sorgen, dass in der Theatergruppe (inklusive dir) eine Atmosphäre des Respekts und der Wertschätzung herrscht. Die Gruppenmitglieder sollen ein realistisches Selbstbild entwickeln und ebenso realistische Wahrnehmung der anderen Mitglieder lernen. Wichtig ist dabei der Aspekt, wie Gott jeden Menschen sieht! Bringst du diese Haltung in die Gruppe ein, so entsteht auch ein respektvoller und wertschätzender Umgang innerhalb der Gruppe. Ein wichtiger Baustein für gemeinschaftliches Vertrauen.

#3 Potenzial fördern

Im kreativen Schaffensprozess solltest du jedem Gruppenmitglied Gestaltungsfreiraum lassen. Jeder muss die Möglichkeit haben, sich selbst in das Projekt einzubringen. Leitung ist weder eine demokratische Sache noch willkürliche Tyrannei. Als Leiter musst du deine Darsteller ernst nehmen, sie unterstützen, leiten und ihnen helfen, das Beste (*nicht* das Meiste) aus sich herauszuholen. Du solltest ihnen auch Fehlermachen und verrückte Ideen zugestehen. Niemand ist perfekt – und manchmal liegt gerade darin Potenzial für neue Ideen, die dann umgesetzt werden.

Kritisierst du, dann sei ehrlich! Heuchelei schafft kein Vertrauen. Aber du musst genauso auch vorsichtig Kritik anbringen. Und zwar in Bezug auf negative und positive Kritik. Jemanden laut lobend aus der Gruppe herauszuheben ist genauso ungünstig wie jemandem niederprügelnd einen schweren Fehler vorzuhalten. Bei allem glaube an deine Theatergruppe! Deine Theatergruppe wird es spüren, wenn du hinter ihr stehst, wenn du an sie glaubst und ihr das zeigst. Das schafft Vertrauen und macht Mut, auch in schweren Zeiten weiterzumachen. Und es hilft einzelnen auch, Selbstzweifel zu überwinden.

#4 Gemeinschaft erleben

Das besondere und verbindende Element ist schließlich das Erleben von Gemeinschaft.

„Wenn wir nicht auf die Gemeinschaft achten, werden wir unsere Teammitglieder langfristig nicht halten können. So einfach ist das.“

– Steve Pederson, Praxisbuch Theater

Gemeinschaft erleben bedeutet, dass Möglichkeiten geschaffen werden, auch neben der Theaterarbeit in persönlichen Austausch zu kommen, gemeinsam Zeit zu verbringen, miteinander zu reden, auch mal Quatsch miteinander zu machen, gemeinsam zu lachen und zu weinen. Im christlichen Rahmen sollte das auch das Gebet füreinander und vielleicht auch Lobpreis einschließen. Es soll allerdings keine erzwungene Gemeinschaft sein.

Der Grundgedanke muss erstmal sein, dass der Aspekt der Gemeinschaft ganz oben steht und man sich nicht in der Arbeit verrennt. Gemeinschaft sollte den gleichen Stellenwert wie ausgezeichnete Qualität in der Theaterarbeit haben. Der Effekt dabei ist, dass gute Gemeinschaft die Theaterarbeit qualitativer werden lässt! Das Erleben von Gemeinschaft trägt auch dazu bei, dass sich die Gruppe mehr und mehr „blind versteht“. Außerdem rückt die Gesamterscheinung einer Theatergruppe in den Vordergrund, die Einzelleistung steht nicht mehr Fokus, was wiederum außerordentlich wichtig ist.

#5 Übungen und Spiele

  • Vertrauenskreis:

Alle stellen sich in einen Kreis dicht zusammen und strecken ihre Hände nach vorn. Eine Person geht in die Mitte und schließt die Augen. Jetzt kann sich die Person in der Mitte langsam nach vorn, zu den Seiten oder nach hinten kippen lassen, ohne dass sie ihren Standpunkt verlässt. Die Personen im Kreis fangen sie rechtzeitig und behutsam auf und schieben sie vorsichtig in den Stand zurück. Ist die Übung sehr vertraut, kann der Kreis auch größer gemacht werden, sodass die Personen nicht mehr so eng beieinander stehen.

(Verweis Buch)

  • Reiseführer:

Jeder sucht sich einen Partner. Eine Person (A) setzt sich auf den Boden und schließt die Augen. Die zweite Person (B) hilft A langsam und vorsichtig beim Aufstehen. Das soll in aller Ruhe geschehen. B führt anschließend A durch den Raum. Wichtig ist, dass B sehr konzentriert ist und Zusammenstöße mit Personen oder Gegenständen vermeiden muss. Nach ein paar Minuten werden die Rollen getauscht.

  • Blindlauf:

Für diese Übung wird viel Platz im Proberaum benötigt. Die Fläche muss frei sein. An einer Seite des Raumes (1) stellen sich alle Personen auf. Vier Personen gehen auf die gegenüber liegende Seite (2). Die Personen auf der Seite 1 sollen nun einzeln nacheinander mit geschlossenen Augen auf die andere Seite rennen. Die Vier auf der Seite 2 sollen die rennende Person vorsichtig an Schultern, Hüfte und Beinen auffangen bevor sie an die Wand rennt. Das Auffangen darf aber nicht zu abrupt sein und die rennende Person darf nicht am Hals, im Gesicht oder im Intimbereich angefasst werden.

  • Massage:

Entweder zum Aufwärmen oder als Entspannung zwischendurch eignet sich eine Massage. Dazu sucht sich jeder einen Partner. Zu Beginn stehen beide Personen. A beginnt B im Schulter-, Nacken- und Rückenbereich zu massieren. Anschließend können der Kopf, die Arme, Hände, Beine und Füße massiert werden. A kann anschließend B sicher unter den Armen fassen und langsam auf Boden legen. A kann nun B erneut im Liegen massieren. Wichtig ist auch bei dieser Übung, dass körperliche Grenzen, besonders in Bezug auf den Intimbereich, nicht überschritten werden. Im Hintergrund kann ruhige Musik gespielt werden. Während der Übung soll möglichst nicht gesprochen werden.

  • Atmendes Tier:

Die Schauspielgruppe setzt sich im Kreis um Spielfläche herum. In der Mitte liegen Decken ausgebreitet. Ruhige Musik läuft im Hintergrund und es soll eine entspannte Atmosphäre aufkommen. Eine erste Person kann in die Mitte gehen und sich hinlegen. Sie soll sich entspannen, ruhig und gleichmäßig in den Bauch atmen und die Augen schließen. Nach einer Weile kann eine zweite Person dazu kommen und sich an die erste Person kuscheln. Die zweite Person nimmt den Atemrhythmus der ersten Person auf. Nach und nach kuschelt sich die ganze Gruppe in der Mitte zusammen und findet einen gemeinsamen Atemrhythmus. Wenn alle in der Mitte liegen, kann der Theaterleiter Vorgaben geben, wie z.B. zaghaftes Geräusche machen beim Ausatmen, schnarchen, sich räkeln, gähnen, laut brüllen.

  • Ritual am Ende jeder Probe:

Was ich selbst als sehr spannend und schön mit einer ehemaligen Theatergruppe empfand, war ein gemeinsames Ritual am Ende jeder Probe oder Aufführung. Es kann ein kurzes Spiel, wie etwa ein Energizer- oder Icebreaker-Spiel sein, das die Gruppe für sich nach Belieben anpasst. Bei dem Ritual gibt es keine Vorgaben, es kann auch gemeinsam entwickelt werden. Es soll ein wiederkehrendes Element sein, eine kurze Aktion, die eine Probe bzw. Aufführung beschließt und die nur diese Gruppe macht und zusammen schweißt.

Die Möglichkeiten, Vertrauen in einer Theatergruppe aufzubauen, sind sicherlich mit diesem Artikel nicht ausgeschöpft. Welche Erfahrungen hast du – als Darsteller oder Leiter – mit deiner Gruppe gemacht? Welche Übungen oder Spiele kennst du, von denen du meinst, dass sie hier unbedingt erwähnt werden sollten? Ich freu mich auf deinen Kommentar!