Sind wir mal ehrlich: Viele christliche Künstler leben zwischen zwei seltsamen Welten. Auf der einen Seite erscheint ihr Glaube an Jesus vielen befreundeten Künstlern befremdlich. Auf der anderen Seite erscheint die Berufung zum Künstler einigen ihrer Freunde in der Gemeinde oft merkwürdig, wenn nicht sogar mystisch.

Doch Christen, die zum Zeichnen, Malen, Bildhauen, Singen, Schauspielen, Tanzen oder Musizieren berufen sind, haben außergewöhnliche und sogar leicht zugängliche Möglichkeiten, um mit Menschen über ihr Leben ins Gespräch zu kommen. Sie ehren Gott durch ihre tägliche Arbeit und bezeugen seine Gnade, Schönheit und Wahrheit des Evangeliums durch ihr künstlerisches Schaffen.

In vielen Kirchen und Gemeinden wird dieser Zugang, bis heute, aber weit unterschätzt. Deshalb wird im Leben der örtlichen Gemeinde Kunst oft nicht unterstützt. Weil die Künste die treibende Spitze der Kultur sind, sollten wir Kunst im kirchlichen Kontext neu entdecken.

Eine Wiederbelebung der Künste ist aber auch nötig, weil sie ein Lebenszeichen der Kirche sind. Francis Schaeffer sagte einmal:

„Für einen Christen, der durch das Werk Christi erlöst worden ist und sein Leben nach der Bibel richtet und unter der Führung des Heiligen Geistes lebt, sollte die Herrschaft Christi auch ein Interesse an Kunst beinhalten. Ein Christ sollte die Kunst zur Ehre Gottes gebrauchen – nicht einfach als Traktat, sondern als eine schöne Sache zum Lob Gottes.“

Während der Vorbereitung für diesen Artikel fragte ich einige Freunde nach ihren Antworten auf meine Frage: „Durch was werden Künstler in der Gemeinde entmutigt?“. Ich befragte einen Schauspieler, einen Bildhauer, einen Jazz-Sänger und einen Fotografen. Sie sind keine Jammerlappen, aber gaben mir ganz schön was zu hören (und hatten nach eigenen Angaben auch Spaß dabei).

Hier ist meine (nicht vollständige) Liste der Möglichkeiten, wie Gemeinden ihre Künstler entmutigen können:

#01 Begrüße schlechte Kunst mit offenen Armen

Toleriere niedrige ästhetische Ansprüche. Gerade für Menschen, die einen hohen künstlerischen Anspruch haben, ist ein geschriebenes oder aufgeführtes Schauspielstück auf niedrigem Niveau eine echte Qual. Schätze nur die Arbeit, die völlig zugänglich, aber nicht schwierig oder herausfordernd ist.

Ein Beispiel wären digitale Grafiken und Fotografie auf dem Beamer als Hintergrundbilder von Anbetungsliedern. Schätze sentimentale, risikolose Kunst, die keinen Anstoß gibt und die man sofort versteht.

Verhindere zudem, dass sich Künstler in der Gemeinde fortbilden und ihr völliges Potential entwickeln.

#02 Behandle Kunst als Schaufensterdeko

Behandle Kunst als Schaufensterdeko für die Wahrheit und nicht als ein Fenster, das uns Einblicke in die Realität gibt. Betrachte sie als dekorativ und unterhaltend, nicht als eine ernste und lebensverändernde Sache. Im Sinne von: „Kannst du mir ein Theaterstück geben, dass den Gottesdienst ein wenig auflockert?“

Belächel die Künstler, indem du ihnen „erlaubst“, ihre Arbeit auf dem Gang oder in einer nicht gebrauchten und vergessenen Ecke mit schlechter Beleuchtung, wo sie „Dekoration“ sein kann, auszustellen.

#03 Schätze an Künstlern nur ihre künstlerischen Begabungen…

… und nicht die vielfältigen Begabungen, die sie zum Leben der Gemeinde beitragen können. Betrachte Künstler eindimensional und nicht als ganze Person. Ich warne dich: Lasse sie vor allem in Leitungsaufgaben unberücksichtigt. Künstler sind viel zu kreativ, nicht analytisch und unerträglich intuitiv.

Mark Lewis sagt: „Stelle sicher, dass dein Werk (oder Kunstgegenstand, oder deine Aufführung) einschneidende theologische oder moralische Botschaften vermittelt und sich nicht in ein Gebiet verirrt, in dem du unschlüssig oder unsicher bist.“

(Klare Antworten sind natürlich mehr wert als Fragen.) Erlaube keinerlei Doppeldeutigkeit oder verschiedene Reaktion auf Kunst. Verlange von ihr, sich jedem Menschen in gleicher Art und Weise mitzuteilen.

#05 Bezahle Künstlern niemals ihre Arbeit.

Erwarte, dass Künstler ihren Dienst freiwillig tun, ohne ihre Berufung zu erkennen oder zu glauben, dass sie Arbeiter sind, die eine Entlohnung verdient haben. Ignoriere die Tatsache, dass Künstler und Musiker im Alten Testament finanziell unterstützt wurden.

#06 Lass Künstlern keinen Raum zur freien Entfaltung

Wenn du sie darum bittest, mit ihrer Kunst zu dienen, erzähle ihnen, was und wie sie es zu tun haben. Lasse ihnen keinen Raum für kreative Entfaltung.

Nimm zum Beispiel ein Wandbild im Kindergottesdienst: Sag ihnen, wie es auszuschauen hat, ja, zeichne ihnen zuerst einen Plan. Halte sie von Improvisation ab und gib ihnen eine exakte Marschroute vor. Nur so kannst du verhindern, dass in der Gemeinde etwas Neues entsteht.

#07 Vergöttere künstlerischen Erfolg

Mache die Last, die Künstler schon jetzt empfinden, noch größer, indem du nur die Berufung der Künstler anerkennst, die schon Erfolg haben. Dass sich jemand noch weiterentwickeln kann solltest du außer Acht lassen.

#08 Erkenne ausschließlich Kunst an, die sich direkt anwenden lässt,

zum Beispiel etwas, was die Botschaft des Evangeliums kommuniziert oder evangelistisch gebraucht werden kann. Der Künstler Makoto Fujimura beantwortete die Frage: „Wie lässt sich Kunst als Evangelisation betrachten?“ in einem Interview bei „The High Calling“ folgendermaßen:

„Es gibt viele Versuche, Kunst als Werkzeug in der Evangelisation zu gebrauchen. Ich verstehe auch die Notwendigkeit, aber nochmals: es bringt uns dahin zurück, Dinge zu Allerweltsprodukten zu machen. Wenn wir so konsumorientiert sind, wollen wir alles mit einem Preisschild versehen. Und wir möchten Kunst wertvoller machen, als wenn das nötig wäre. Wir behaupten: wenn etwas nützlich ist zur Evangelisation, nur dann hat es Wert.

Doch dabei gibt es zwei Probleme. Zum einen schöpft diese Haltung das Potential der Kunst bei weitem nicht aus. Zum anderen kommunizieren wir der Welt, dass das Evangelium nicht Kunst ist – als wäre das Evangelium bloße Information, und es nötig hätte, benutzt und getragen zu werden.

Doch ist das gewiss nicht das Evangelium. Das Evangelium ist Leben. Das Evangelium handelt von dem Schöpfergott, der ein Künstler ist, der zu kommunizieren versucht. Seine Kunst ist die Kirche. Wir sind ein Kunstwerk, geschaffen in Christus Jesus, um gute Werke zu tun. Wenn wir das nicht verstehen wird das Evangelium verkürzt und die Kunst selbst leidet darunter.“

#09 Erlaube Künstlern nicht, kreative Freiheit zu erleben

Es gibt Standards an die sich jeder Künstler halten muss. Eine Regel könnte zum Beispiel sein, dass Theaterstücke nur IM und nicht VOR oder NACH dem Gottesdienst gespielt werden dürfen. Malerei darf nur auf der Leinwand stattfinden und Musik nur in der Dur-Tonart verfasst sein. Wer diese Regeln missachtet kann in der Gemeinde eben nicht mitarbeiten.

#10 Wünsche dir einen Beitrag von Künstlern und entscheide dich kurz vorher, ihn dann doch nicht einzusetzen – aber bitte ohne Erklärung

Muss ich das noch weiter ausführen?  😉

#11 Gib Künstlern kein offenes Ohr

Da Künstler meistens abgehobene Freigeister sind, darfst du ihnen als Pastor oder Gemeindeleiter kein Gehör schenken. Meistens haben sie eh nichts zur reinen Gesinnung beizutragen.

Gerade wenn es um Anschaffungen in der Gemeinde geht, solltest du die Meinung von Künstlern mit sensiblen Ohren oder einem gewissen Sinn von Ästhetik ausklammern, da ja sowieso kein Geld vorhanden ist und der Seniorenkreis viel dringender 30 neue rote Gesangsbücher braucht.

Der letzte Punkt auf meiner Liste ist ein ganz allgemeiner:

#12 Sorge dafür, dass sich Künstler in der Gemeinde nie wirklich zu Hause fühlen.

Die meisten Punkte meiner Liste zeugen von einem mangelnden Verständnis von Kunst per se, sowie die fehlende Bereitschaft, Kunst Kunst sein zu lassen – als ein kreatives Ausloten der Möglichkeiten der Schöpfung.

Das ist eine riesige Last, weil Künstler bereits wissen, dass sie als Christen in der Welt der Kunst niemals wirklich zu Hause sein werden – sie beten weder ihre Götzen an noch glauben sie ihren Lügen. N.T. Wright bemerkt:

„Meiner Erfahrung nach wird der christliche Maler oder Dichter, Bildhauer oder Tänzer, gewöhnlich für eine Art Kuriosum gehalten, das man toleriert, es sogar belächelt, und ihm sogar erlaubt, ab und zu eine Darstellung zu veranstalten. Aber der Gedanke, dass sie mehr als das sind oder sein könnten, dass sie eine Berufung haben, sich die Schönheit Gottes immer wieder neu auszumalen und auszudrücken – dieser Gedanke kommt oft gar nicht erst auf.“

Werden wir ein Zuhause sein für Christen, die als Künstler berufen sind?

Tue was du kannst, um ihnen eine Heimat zu geben. Sie lenken unseren Blick auf die Ewigkeit. Wie David O. Taylor in seinem Buch: “For the Beauty of the Church: Casting a Vision for the Arts” schreibt:

„Ob durch Farbe oder Klang, Metapher oder Bewegung, uns ist die unschätzbare Gabe gegeben, an dem neu-schöpferischen Werk des dreieinigen Gottes teilzuhaben, die finale und unvorstellbare Neuschöpfung aller Materie, allen Raums und aller Zeit, die Vollendung aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge vorwegzunehmen.“

Hast du den einen oder anderen Punkt selbst mal erlebt? Welcher Punkt fehlt dir in dieser Liste? Hinterlasse uns ein Kommentar und teile diesen Artikel, wenn er dich angesprochen hat.

Anmerkung: Dieser Artikel ist eine erweiterte Übertragung aus dem Englischen, gefunden hier:  http://www.soulfirekoeln.de/2013/06/20/wie-man-kunstler-in-der-gemeinde-entmutigt/ mit freundlicher Genehmigung von: www.soulfirekoeln.de