Da sitze ich also und mein Kopf sprüht vor Ideen für eine neue Inszenierung! So gern würde ich dieses Stück umsetzen – aber mir fehlen die Leute. Vielleicht mal eine Soloinszenierung? Aber was ist, wenn sich die Zuschauer langweilen, weil da nur eine Person spielt…? Ich würde ja im Rampenlicht stehen! Und was soll ich so allein denn alles spielen?

Kennst du diese Gedanken auch? Ok, aber wir können etwas dagegensetzen!
In diesem mehrteiligen Beitrag soll es also um sogenannte Monodramen gehen – oder auch Ein-Mann- oder Solostücke – und zwar mit Pfeffer! Auch allein kannst du dein Publikum in Bann ziehen. Die folgenden 10 Ideen und Tipps sollen dir dabei helfen. Es gibt keinen Grund, dein dir von Gott gegebenes Talent hinterm Berg zu halten.

 

SOLOSTÜCK ≠ MONOLOG

Bevor es ganz praktisch wird, wollen wir in diesem und im nächsten Abschnitt einen kurzen Abstecher in die Theorie machen – überhaupt nicht grau, aber unerlässlich.
Solo-Stücke werden oft mit Monologen assoziiert. Beides kann aber nicht gleichgesetzt werden, da es ganz wichtige Unterschiede gibt. Monologe kommen aus dem klassischen Mehr-Personen-Drama à la Hamlet: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“.

Eine Figur nimmt sich für eine kurze Zeit aus der Dramenhandlung heraus, resümiert, philosophiert, fragt sich, was sie tun soll. Natürlich ist der Monolog dafür gedacht, dass das Publikum mitbekommt, was Sache ist und welche Gedanken die Figur antreiben, aber der Schauspieler richtet den Monolog nicht ans Publikum. Die sogenannte ‚vierte Wand‘ bleibt zwischen Bühne und Zuschauerraum bestehen.

Ein Monodram dagegen ist bereits das ganze Drama, das komplette Stück – gespielt von nur einem Schauspieler, der auch nur eine Figur verkörpert. Und im Monodram dreht sich halt alles um diesen einen dargestellten Charakter. Ein Monodram ist aber kein Selbstgespräch. Die Figur muss immer einen Adressaten haben – wie das genauer aussehen kann, dazu kommen wir später.

 

GRUNDLEGENDE GEDANKEN

Nikolai Evreinov war ein aus Russland stammender Regisseur und Dramatiker, der Ende 19. bis Anfang 20. Jahrhundert lebte. Er verfasste „Die Einführung ins Monodrama“. Alte Kiste, denkst du? Aber er hatte einiges zu sagen und das sollten wir jetzt zu Rate ziehen.

Für Evreinov war genau die oben genannte vierte Wand ein wichtiger Aspekte – nämlich sie einzureißen. Er war dafür, die imaginäre Grenze zwischen Zuschauer und Schauspieler aufzuheben und dadurch mehr „Nähe“ zu schaffen. Das Nonplusultra des Monodrams ist das, was der Darsteller auf der Bühne erlebt. Der Zuschauer soll sich mit dem Erlebnis identifizieren können, sich hineinversetzen und dadurch Teil des Theatergeschehens werden.

Für Evreinov hat ein Monodram die Funktion, dem Zuschauer die innere, mentale Verfassung einer Figur zu vermitteln. Dafür können der Darsteller und die Theatermitarbeiter verschiedene Mittel benutzen: Mimik, Kostüm, Bewegung, Sprache, Beleuchtung… Alles sagt etwas aus – man muss es nur noch richtig einsetzen. Da Theater ein visuelles Medium ist, bevorzugt Nikolai Evreinov auch die Visualität einer Inszenierung, also alles, was man sehen kann. Dessen muss sich der Schauspieler bewusst sein – ihm schauen ja Zuschauer zu.

Natürlich besteht ein Monodram meistens aus Text. Aber für die Inszenierung ist es ganz wichtig, ein Gleichgewicht zwischen dem akustischen und dem visuellen Anteil zu schaffen, wobei der akustische dem visuellen Anteil gegenüber oft stärker ist.

 

IDEEN UND TIPPS FÜR DIE PRAXIS

Jetzt wird es endlich praktisch! Was sollte man beachten beim Inszenieren eines Solostückes? Welche Möglichkeiten gibt es für die Umsetzung? Wie kann man eine Inszenierung interessanter gestalten? Die folgenden 10 Tipps wollen Antwort geben.

Wichtig für die Vorüberlegung ist noch: du musst dich nicht an traditionellen Inszenierungsarten festklammern. Das Theater hat sich in den letzten Jahrzehnten weiter verändert und manchmal darfst du auch einfach ausprobieren. Nicht alles muss dann auf die Bühne, aber in deinen Proben hast du ja Freiraum! Lass auch gern mal jemanden bei deinen Proben zuschauen und hol dir Rat und einen Blick von außen ein. Auch Kameraaufnahmen können sehr hilfreich sein!

 

#1 Viele Möglichkeiten

Für deine Inszenierung stehen dir grundsätzlich viele Möglichkeiten zur Verfügung (je nach Ausstattung der Bühne oder Gemeinde). Du kannst verschiedene nutzen. Das steht dir unter anderem zur Verfügung: deine Sprache, dein Körper, der Raum, Objekte im Raum oder auf der Bühne, Licht (bitte nicht grundlos kitschig; wenn du kaum oder gar keine Lichttechnik zur Verfügung hast: auch Licht an oder aus kann man in seine Inszenierung manchmal gut einbauen), Töne, Musik, Zeit (mehr dazu in Solotheater Teil 2), … Mach dir deine Möglichkeiten bewusst und überlege, welche Verwendung sinnvoll ist (Was gibt der Raum her? Kann ich den vielleicht mit einbeziehen?). Aber überlade deine Inszenierung nicht mit Effekten – es sei denn, du möchtest das mit Absicht machen, um damit etwas auszudrücken.

 

#2 Charakter gefragt

Spiele einen interessanten Charakter. Das Publikum mag es, wenn es eine etwas ausgefallene, interessante Figur sieht und erforschen kann. Aber gib nicht grundlos den Mega-Freak. Manchmal kann es einfach spannend sein, dass deine Figur eine aufreibende Vergangenheit hat, die immer wieder mal hervortritt durch Äußerungen oder Verhaltensweisen. Sowas sieht man gern. Mach es aber nicht zu platt – portioniere! Versuch dich selbst hineinzuversetzen in deine Rolle. Keiner gibt auf einen Schlag sein ganzes Leben preis.

Und die grundlegende Frage: In welcher Situation befindet sich deine Figur? Was ist bisher schon alles passiert? Warum ist die Person gerade so drauf, wie sie drauf ist? Was beschäftigt sie? Warum ist die Person an dem Ort? Mit all diesen Fragen und noch vielen mehr, kannst du deine Figur besser ergründen (Blogpost: ‚So kommst du perfekt in deine nächste Rolle – Eine Megacheckliste‘) und machst damit dein Monodram hieb- und stichfest. So kann es eine runde Sache werden und nicht nur ein loses Szenengestell.

 

#3 Voll unrealistisch!

Dein Solostück muss nicht immer rein realistisch sein (im Fachjargon: konkret). Ein Schuh muss nicht immer ein Schuh sein. Und ein Apfel nicht immer ein Apfel. – Hast du schon mal mit einem Schuh telefoniert? Oder mit einem Apfel Cricket gespielt? Benutze nicht tausend Gegenstände auf der Bühne. Manche kann man auch gut umfunktionieren. Dein Schuh kann im Prinzip alles sein. Du zweifelst daran, dass dein Publikum dir das abkauft? Ob es ein riesiges Fragezeichen auf der Stirn stehen haben wird? Immer mit der Ruhe.

Der Trick ist: Behaupte! Behaupte, dass man mit einem Schuh telefonieren kann. Das musst du auf der Bühne nicht sagen, aber du kannst deinen Schuh ganz selbstverständlich als Handy benutzen. Dein Publikum wird dir folgen.

Oft kann das ein sehr witziger Effekt sein. Achte aber bitte darauf, dass es kein zu künstlicher Witz wird – das ist nämlich gar nicht lustig. Allerdings können solche Elemente auch in ernsthaften Stücken eingebaut werden. Es kommt darauf an, mit welcher Haltung du das spielst. Behaupte!

 

#4 Der Umbau

Das ist ein sehr relevantes Thema. Du hast zwei Möglichkeiten:

1.) Du machst eine Zwischenszene mit Musik und Lichtübergängen und allem Drum und Dran und währenddessen baust du deine Bühne um. Diese Zwischenszene soll dann den Umbau verschleiern. Aber denk dran: dein Publikum bekommt alles mit!

2.) Du versuchst den Umbau erst gar nicht zu vertuschen. Du musst nicht verheimlichen, dass das gerade Theater ist und dass du mal eben die Bühne umbauen musst, weil ein Szenenwechsel stattfindet. Man nennt das auch ‚Illusionen brechen‘. Dem Publikum bleibt bewusst, dass sie Theater sehen und nicht live im Geschehen sind. Keine Heimlichtuerei – spiele einfach deine Figur, die gerade die Bühne umbaut (oder du kannst für einen Moment auch deine Rolle verlassen).

Du kannst das Ganze direkt in dein Spiel mit aufnehmen. Natürlich kannst du dabei auch Musik und Lichtübergänge benutzen. Du spielst deine Rolle und während du umbaust, kannst du auch Kontakt mit deinen Zuschauern aufnehmen. Bau es in dein Stück ein.

 

#5 Die wichtigste dramaturgische Frage:

Mit und zu wem sprichst du bzw. deine Figur auf der Bühne? Ein viertelstündiges Selbstgespräch am laufenden Band führt man üblicherweise nicht. Ist es eine Figur außerhalb der Bühne, eine Person, die auf der Bühne gar nicht zu sehen ist, du aber fiktiv als Adresspartner hast (Menschen, Tiere oder auch Gott – zu Letzterem eine Idee aus der d:m-Anspieldatenbank).

Im Prinzip kannst du alles als deine Adresse verwenden:

Du kannst mit einer Puppe sprechen oder mit Requisiten – in „Sein Prozess“ spricht Leo Gnatzy mit einem Haufen Luftballons, als wären es Mitbewerber an der Schauspielschule.

Ein interessanter dramaturgischer Kniff ist immer schön, aber du musst dabei nicht das Rad neu erfinden. Selbst eine Webcam oder ein Telefon kann es sein. Hier ein Beispiel aus „Kolls letzter Anruf“, gespielt von Gregory B. Waldis.

Und nicht zu vergessen: deine Zuschauer. Die können auch deine Adresse sein! Das ist ganz oft auch der Fall in Solostücken – Carola von Seckendorff in „Event“:

Und hier auch ein Theatertext aus der d:m-Anspieldatenbank.

Durch diese Art der Ansprache bindest du deine Zuschauer mit ein und nimmst sie mit ins Geschehen. Wie direkt du sie ansprichst, ist je nach Szenerie dir überlassen. Da gibt es kein richtig oder falsch. Wichtig ist: Du brauchst eine Adresse!

Das waren meine ersten 5 Tipps. Im folgenden Beitrag schauen wir uns dann den wichtigsten und zentralen Aspekt von Solostücken an. Außerdem den Grundsatz, etwas zu tun statt nur zu sagen, und meinen absoluten Geheimtipp.

Welche Erfahrungen hast du bisher mit Soloinszenierungen gemacht? Welchen Tipp fandest du am hilfreichsten? Und welche Tipps kannst du weitergeben? Hinterlasse doch gern einen Kommentar!

Quellen:

Sätze zum MonoDrama, Karlheinz Braun, in: MonoDramen, Karlheinz Braun (Hrsg.),

http://faustkultur.de/1752-0-Braun-Saetze-zum-MonoDrama.html#.V_dhR_mLTct

Monodramatische ‚Lehre‘ vom Sehen, Nikolai Evreinov, in: Welt – Bild – Theater, Kati Röttger (Hrsg.), Seite 161 – 163,

https://books.google.de/books?id=887hntVYf5sC&pg=PA161&lpg=PA161&dq=Nikolai+Evreinov+Monodrama&source=bl&ots=hAaB9aIe1-&sig=dzpT5ruQCTziZDDfK89zpFs1Zmc&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjf8-LZlPjOAhUGuhoKHZW2DY4Q6AEIVzAH#v=onepage&q=Nikolai%20Evreinov%20Monodrama&f=false