1978. Die zweite Klasse der Fritz Reuter Grundschule hat ein Weihnachtsspiel vorbereitet. Es ist das Märchen von Hänsel und Gretel. Ich spiele den Hänsel. Lieber wäre ich die Gretel gewesen, aber was will man machen. Am Tag der Aufführung ist das Gemeindehaus voll. An einer Stelle werde ich sagen: „Schau nur Gretel, der schöne Stern!“ In diesem Moment ist es Volkers Aufgabe, den Stecker in die Steckdose zu stecken, damit der Stern zu leuchten beginnt. Volker ist allein diese Aufgabe in dem Klassenspiel zuteil geworden, da er mit vielen Dingen in seinem Leben schnell überfordert ist. Aber den Stecker in die Steckdose zu stecken, das traut man ihm zu. Ich bin skeptisch. Es kommt, wie es kommen muss: Ich sage den entscheidenden Satz. Der Stern bleibt dunkel.

Doch ich bin vorbereitet. Durch das Wiederholen des Schlüsselsatzes in einer ganz bestimmten Betonung mache ich deutlich, dass etwas schief läuft, ich aber Herrin der Lage bin. Der ganze Saal bricht in Gelächter aus. Volker bekommt Zeit, auf den entscheidenden Moment aufmerksam zu werden. Das erlösende Leuchten erstrahlt. Alles ist gut.

Ich erinnere nichts weiter von unserer Aufführung, aber diesen komischen Moment, der den ganzen Saal zum Lachen brachte und einen peinlichen Augenblick auflöste, werde ich nie vergessen.

Dies ist ein Schlüsselmoment, der mich dazu brachte, Komikerin zu werden. Ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen. Dabei bin ich im Grunde ein ernsthafter, nachdenklicher Mensch. Ich kann mir keine Witze merken, bin keine Partylöwin oder Alleinunterhalterin. Um spontan meine Scherze heraus zu hauen, bin ich meist viel zu schüchtern.

Aber ich liebe das Groteske. Komik entsteht immer dann, wenn etwas nicht unseren Erwartungen entspricht. Ein Missgeschick, eine unvorhersehbare Reaktion oder eine absurde Situation lösen schallendes Gelächter, Lachen oder zumindest ein Lächeln aus.

Studien haben nachgewiesen, dass Lächeln einen Cocktail aus körpereigenen Drogen im Gehirn freisetzt, der beim Stressabbau hilft, der dafür sorgt, dass wir uns glücklich fühlen und der Schmerzen lindert. Lachen fördert eine optimistische Grundhaltung und führt zu mehr Mut und Gelassenheit.

Mein Mann und ich sind Humorhandwerker. Wir befassen uns mit der Frage, wie wir Menschen zum Lachen bringen können. Dabei denken wir aber nicht nur an die gesunden, neurobiologischen Prozesse. Wir haben mehr im Sinn.

In der wissenschaftlichen Disziplin der Gerontologie werden die Auswirkungen des Lachens untersucht. Man fand heraus:

Lachen lockert nicht nur die Gesichtsmuskulatur, sondern auch die Gedankenwelt. Der Lachende kann Abstand zu sich und seinem Problem nehmen und besser über eine Lösung nachdenken. Festgefahrene Denk- und Verhaltensmuster lösen sich auf und werden durch flexiblere ersetzt.

Komik weitet also mein Denken und meinen Horizont.

Uns wurde als Komikerduo mal der Auftrag erteilt, ein Kurztheaterstück zum Thema „Leid“ zu entwickeln. Komik und Leid könnten wohl kaum weiter voneinander entfernt sein. Uns brannte auf der Seele, dass so viele Menschen in drastischen Leidsituationen falsche Vertröstungen erfahren. So entstand die Idee von einer Situation, in der ein Mann in eine Art Apotheke geht und Trost im Leid erwerben will. Er bekommt lauter falschen Trost in Paketform zur Auswahl vorgesetzt: „Im Himmel wird alles gut“, „Anderen geht es noch viel schlechter“ oder auch – was ja leider in christlichen Kreisen tatsächlich vorkommt – „Leid ist die Strafe für Schuld“. Die Komik entsteht vor allem durch die Sprödheit und Emotionslosigkeit der Verkäuferin und das verblüffte Erstaunen des Kunden.

In Kürze könnte man also sagen, dass die Übertragung eines Themas ins Komische so entsteht:

Ich bilde eine Kernaussage. Ich mache ein Brainstorming zu möglichst absurden Situationen, in die ich meine Kernaussage übertragen kann. Wenn ich mich für eine entschieden habe, erfinde ich zwei komische Figuren. Je unterschiedlicher desto besser. Dann schreibe ich einen Text mit Pointe am Schluss. Nun wird inszeniert. Und auch hier gibt es wieder viel komisches Potenzial zu entdecken.

Die Komik ist ein Weg, mit wirklich brisanten Themen bei den Menschen offene Türen einzurennen. Sie geht in den Bauch und von dort direkt in den Verstand. Und da kann sie Wunder wirken.

Mein Mann und ich haben Krisen und Schicksalsschläge erlebt. Irgendwann hat immer einer von uns einen Scherz gemacht und wir wussten: Das Schlimmste ist geschafft. Wir durchschauen die Lage wieder. Wir sind bereit, die komische Distanz einzunehmen und dennoch den Ernst der Lage nicht zu verkennen. Dieses gemeinsame Lachen hat uns manches mal befreit, uns wieder miteinander verbündet und uns die Last leichter gemacht. Durch Humor nehme ich die Vogelperspektive ein. Ich schaue von oben auf das, was geschieht.

Und ist dies nicht auch Gottes Perspektive? Vielleicht hat Gott uns das Lachen geschenkt, damit unsere Seele zwischendurch Luft holen kann. Wir sind erschaffen mit einem Intellekt, der Humor kreieren kann und damit das Schwere durchleuchten und wenden kann. Was für ein Geschenk.

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