Biologisch gesehen unterscheiden wir uns nicht so sehr voneinander; historisch gesehen, als Erzählung, ist jeder von uns einzigartig.

Oliver Sacks

Eine gute Geschichte zu schreiben ist gar nicht so einfach. Aber es gibt einige Punkte, auf die du achten kannst. In diesem Artikel stellen wir die Hauptfigur einer Geschichte, den Helden, in den Mittelpunkt und schauen uns einmal an, warum der Held einer Geschichte so wichtig ist und worauf du achten solltest, um einen faszinierenden Helden zu entwerfen. Einige gute Hinweise gibt uns die Autorin Petra Sammer in ihrem Buch „Storytelling – Die Zukunft von PR und Marketing„.

Warum ist der Held einer Geschichte so wichtig?

Persuasionsforscher interessieren sich besonders für die Überzeugungskraft von Geschichten und warum diese motivierender auf Menschen wirken als Fakten und logische Argumente. Der Held als Projektions- und Identifikationsfigur spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Wer Menschen dazu bewegen will, eine neue Sichtweise einzunehmen, ein Verhalten zu ändern oder eine Philosophie zu überdenken, muss in der Regel viele Widerstände überwinden: Zweifel und Kritik, Desinteresse oder auch Ignoranz. Eine der größten Herausforderungen ist jedoch die sogenannte Reaktanz. Psychologen verstehen unter Reaktanz eine Abwehrhaltung aufgrund eingeschränkter Wahlfreiheit. Immer wenn ein Mensch sich in seiner Wahlfreiheit eingeschränkt fühlt und den Eindruck bekommt, dass er durch ausgewählte Argumente und Fakten manipuliert wird und dadurch unter Druck gesetzt wird, entwickelt er eine Abwehrhaltung.

Das hat zur Folge, dass der Zuschauer die vorgebrachten Argumente grundsätzlich ablehnt, auch wenn er den vorgetragenen Argumenten eigentlich zustimmen würde. Jetzt wendet er sich absichtlich dagegen, nur um seinen Freiheitsspielraum zu demonstrieren.

Präsentiert man die Argumentation jedoch in Form einer Geschichte, so sinkt diese Abwehrhaltung, denn Geschichten bieten wenig Angriffsfläche für Reaktanz. Der Zuschauer fühlt sich mit einer Geschichte weniger zu einer Entscheidung gedrängt und damit weniger unter Druck gesetzt.

Entscheidend für diesen Effekt ist vor allem die Rolle des Helden: Identifiziert sich der Zuschauer mit der Hauptfigur, dem Helden einer Geschichte, so fällt es ihm schwer, dessen Haltung und Verhalten zu hinterfragen. Der Held wird eventuell sogar zum Vorbild für den Zuschauer, so dass er geneigt ist, seine Einstellung und Handlung zu übernehmen. Der Lernpsychologe Albert Bandura nennt diese Form der Identifizierung „Modell-Lernen“. Der Zuschauer lernt anhand eines Vorbilds für ein mögliches Selbst.

Einmal so sein wie Superman. Unmöglich? Was als unerreichbares Lernziel erscheint, ist gar nicht so fern. Man kann sich zwar nicht Supermans übermenschliche Kräfte und Fähigkeiten aneignen oder antrainieren, doch kann man sich seine Einstellung, seine Hilfsbereitschft, Anteilnahme und Selbstlosigkeit zum Vorbild nehmen.

Die starke Identifikation mit dem Helden einer Geschichte wirkt sogar tiefer. Sobald der Zuschauer eine Beziehung zu dem Helden aufbaut und ihn gar als „Freund“ oder „Bekannten“ wahrnimmt, wird er ihm keine negative oder manipulative Absicht unterstellen. Psychologen nennen diesen Effekt „parasoziale Interaktion“.

Gute Gründe also, um eine Hauptfigur in das Zentrum einer guten Geschichte zu rücken und dem Zuschauer eine Identifikationsfigur zu bieten.

Der Ur-Mythos: Die Heldenreise

Die Rolle des Helden findet sich in den ältesten Mythen und Geschichten der Menschheit. Joseph Campbell, Literaturwissenschaftler und Mythenforscher, der in seinen Studien tausende Mythen aus unterschiedlichen Kulturkreisen analysierte, sieht in der Rolle des Helden ein sehr altes Muster und grundsätzliches Element des Storytellings.

Weltweit und zu jeder Zeit setzten Geschichtenerzähler auf die Figur des Helden. Campbell geht sogar so weit zu behaupten, dass nur eine einzige Geschichte wieder und wieder erzählt wird: Ein Ur-Mythos, den er „die Reise des Helden“ nennt.

In seinem Werk Die Kraft der Mythen beschreibt er diese Reise des Helden als Kreisbewegung und Zirkelschluss zwischen Auszug des Helden in die Welt und Rückkehr als neuer Mensch. Jede Geschichte arbeitet dabei, laut Campbell, nach dem gleichen Muster: Ein Held verlässt seine gewohnte Umgebung. Dies kann bewusst oder unbewusst geschehen, freiwillig oder unfreiwillig, physisch oder mental.

Er verlässt seine Heimat und geht hinaus in eine neue, ihm unbekannte Welt. Dort muss er eine Reihe von Abenteuern bestehen und Erfahrungen sammeln, die ihn selbst oder auch die Welt um ihn herum verändern. Letzendlich, als letzte Station seiner Reise, kehrt er nach Hause zurück, um über diese Veränderung und Transformation zu berichten.

Die Heldenreise

Das Muster der Heldenreise lässt sich tatsächlich auf fast jede Geschichte projizieren, obwohl Campbells Anspruch an die Rolle des Helden extrem hoch ist:

Ein Held ist einer, der sein Leben für etwas gibt, das höher als er selbst ist.

Joseph Campbell in The Heroe with Thousand Faces

Ein wahrer Held muss sterben, um wiedergeboren zu werden.

Joseph Campbell in Die Kraft der Mythen

Aber nicht jeder Held muss sterben. Mit Sterben ist in diesem Zusammenhang gemeint, dass der Held aus seinem gewohnten Trott aussteigt, um neue Erfahrungen zu sammeln und sich zu verändern. Alle Protagonisten erfahren im Laufe ihrer Geschichte etwas über sich und die Welt, die sie umgibt – und der Zuschauer lernt mit ihnen.

Wann ist der Held ein Held?

Wenn du eine Geschichte erzählen willst, gibt es tausende Möglichkeiten, ein Schicksal herauszugreifen, um es zu erzählen. Im Prinzip zeichnet einen Helden vier Merkmale aus:

  • Der Held hat einen unerfüllten Wunsch, ein starkes und dringendes Verlangen. Er ist auf der Suche nach einer Lösung zu einem Problem.
  • Der Held hat eine interessante Persönlichkeit und einen starken Charakter.
  • Der Held hat eine klare Haltung und Einstellung.
  • Der Held verändert sich während der Geschichte, er durchläuft einen Wandel, eine Transformation.

Diese vier Merkmale treffen auf Frodo, aus Herr der Ringe genauso zu, wie auf Superman und wurden von Syd Field in seinem Buch Screenplay für Filmhelden und Filmcharaktere als essentiel beschrieben.

Die Hauptfigur nennt man Held. Idealerweise hat der Held ähnliche Eigenschaften und unerfüllte Wünsche wie das Publikum, an das sich unsere Geschichte wendet.

Julie Fuoti

Der Held unserer Geschichte muss keine Superkräfte haben, aber eine Sehnsucht und ein Verlangen, das wir als Zuschauer nachempfinden können.

Es lohnt sich, sich beim Schreiben und Spielen einer Geschichte auf den Helden zu konzentrieren. Hast du mehr Interesse an der Heldenreise und den verschiedenen Figuren einer Geschichte? Auf unserem Seminar „Faszination Charakterrolle – Das Geheimnis der Figur entdecken“ lernst du alles, was du für eine gelungene Heldenreise brauchst.

Quelle: Petra Sammer: Storytelling – Die Zukunft von PR und Marketing. 0´reillysbasics, 2015, S. 91ff.