Mark Demel

Mark Demel

Ein Interview von Willow-Netz-Redakteur Gotthard Westhoff mit Mark Demel.

Ist der Schauspieler Mark Demel durch ein packendes Theaterstück zum Glauben gekommen?

Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich kam vor 20 Jahren zu Willow, weil ich auf der Suche nach Gott war. Und da haben mir die Gästegottesdienste mit der tollen Musik, den packenden Predigten und klar – den Theaterstücken schon sehr geholfen. Den entscheidenden Schritt habe ich aber in einer Kleingruppe gemacht.

Und der Schritt ins Theaterteam?

Das dauerte. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von geistlichen Gaben. Aber mitarbeiten wollte ich unbedingt Also kreuzte ich mitten in der Woche einfach bei Willow auf und fragte, ob sie irgendwo Hilfe brauchten. Man teilte mich ins Toiletten-Putzteam ein … wo ich mit großer Begeisterung geputzt habe: weil ich so begeistert von Gott war und so dankbar für meine Gemeinde, die mir den Weg zu ihm geebnet hatte!

Und dann?

Irgendwann habe ich das D.I.E.N.S.T.-Seminar belegt. Dadurch entdeckte ich meine geistlichen Gaben und bekam zum ersten Mal ein Verständnis dafür, wie Gott mit den Menschen und ihren Gaben Gemeinde baut.

Welche Gaben hast du bei dir entdeckt?

Ganz oben rangierte Prophetie, dann kreative Kommunikation und Leitung. Ergibt das keinen Sinn? Der Prophet in mir liebt es eine Bühne zu haben, von der er den Menschen die Wahrheit sagen kann. Auch unbequeme Wahrheiten. In unseren Stücken legen wir ja häufig den Finger auf die Wunden.

Und wie hat sich dein Wirkungskreis von der Toilette auf die Bühne verlagert?

Nach dem Gaben-Seminar hörte ich, dass das Willow-Theaterteam Verstärkung brauchte. Irgendwie spürte ich, es war Gottes Wunsch, dass ich dort vorspreche, obwohl ich nie zuvor auf einer Bühne gestanden hatte. Im Gegenteil: Schauspieler waren für mich Menschen, die alle einen Tick haben. Während der Schulzeit habe ich einen Bogen um die Typen gemacht, die Theaterkurse belegten. Sie zählten nicht zu den Coolen. Trotzdem habe ich mich zum Vorsprechen angemeldet. Obwohl ich eigentlich gar nicht aufgenommen werden wollte.

Wieso bewirbt man sich für eine Theatergruppe, wenn man gar nicht spielen will?

Weil ich bis heute der festen Überzeugung bin, dass Gott testen wollte, wie weit ich ihm vertraue: Würde ich bereit sein, meine Bequemlichkeitszone zu verlassen und Dinge zu tun, die ich von mir aus niemals wagen würde? Würde ich mich darauf einlassen, dass Gott mich zu meiner Berufung führt und ihm dabei alle Freiheiten zu lassen, ohne bestimmte Dinge von vornherein auszuschliessen?

Ist das nicht eine gute Voraussetzung für einen Schauspieler: Bereit sein, sich ganz auf eine neue Situation einlassen?

Stimmt. Aber daran habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Ich ging mit einem total mulmigen Gefühl zum Vorsprechen und hatte nicht im entferntesten gedacht, dass ich es ins Team schaffen würde. Allerdings bin ich anschließend mit dem befriedigenden Gefühl in mein Auto gestiegen: Gott, ich habe genau das getan, was du von mir wolltest. Ich weiß zwar nicht wozu es gut war, aber ich glaube, es hat dir ge-fallen.

Und weiter?

Dann kam ein völlig überraschender Anruf: Ich sei in der engeren Wahl. Es gab einen weiteren Termin, und danach noch ein abschließendes Vorsprechen. Als ich an diesem Abend heimkam, entdeckte ich in meiner Jackentasche ein altes Ticket von einer Aufführung des Willow-Theaterteams, die ich vor über einem Jahr besucht hatte. Ich kann es nicht beschreiben, aber auf eine wundersame Weise hatte dieses Ticket eine enorme Wirkung auf mich: Ich spürte Gottes zufriedenes Lächeln durch dieses Stück Papier. Am nächsten Morgen kam der Anruf: Du bist dabei!

Wann hat sich der Schauspieler wider Willen zum Schauspieler aus Leidenschaft gemausert?

Sofort danach. Durch diese Erfahrung spürte ich plötzlich, dass Gott mich in meine Berufung hinein geführt hatte. Gott hatte mit meinem kleinen Leben etwas vor – in einer Richtung, die ich von mir aus nie eingeschlagen hätte!

Verstehe: Weil Schauspieler alle einen Tick haben…

Es gibt Ausnahmen.

Steckt eigentlich in jedem halbwegs extrovertierten Menschen das Zeug zum Schauspieler?

Das denken viele. Oft höre ich: Lehren oder Singen kann ich nicht, aber ein paar Sätze auswendig lernen, wird ja wohl nicht so schwer sein. Haben die eine Ahnung! Ich bereite mich auf jede meiner Rollen fast 20 Stunden lang vor: Ich lerne den Text auswendig, versetze mich intensiv in die Rolle hinein, und wir proben sieben Stunden als Team. Alles für ein rund zehnminütiges Stück.

Die fesselnden Theaterstücke bei den Willow-Kongressen in Deutschland haben viele Gemeinden veranlasst, in ihren Gottesdiensten auch Theaterszenen einzubauen. Allerdings können sich die meisten so eine Vorbereitung nicht leisten.

Viele Pastoren meinen, sie können diese für sie neue Kunstform nebenbei auf die Beine stellen. Dazu heuern sie die drei Leute in ihrer Gemeinde an, die für ihre Scherze oder Extrovertiertheit bekannt sind. Sie meinen, das seien die Eigenschaften eines guten Schauspielers. Theater ist eine Kunst, die sich über Tausende von Jahren entwickelt hat! Der Respekt und die Wertschätzung dieses Handwerks ist eine Grundvoraussetzung, um ein gutes Theaterteam aufzubauen! Das verkennen viele.

Das war ein bühnenreifes, leidenschaftliches Plädoyer! Aber ich wollte nur auf die begrenzten Möglichkeiten hinweisen, die deutsche Gemeinden in Sachen Theater haben…

…und ich wollte nur auf die alles entscheidende Grundhaltung hinweisen, mit der man an die Sache heran gehen muss.

Einverstanden. Dann erzähl uns, wie man’s richtig macht.

Neben der richtigen Haltung ist eine qualifizierte Person, die das Team zusammenstellt und leitet, unabdingbar. Sie muss genau Bescheid wissen, welche Rolle Theater in der Gemeinde spielen kann. Dazu muss man kein Profi sein. Man muss aber spüren können, wie qualitativ gutes Theater aussieht und merken, wenn es nur durchschnittlich ist. Weil es nicht annähernd so leicht ist wie es aussieht, ein

Stück wirklich gut zu spielen, muss die verantwortliche Person offen und ehrlich die Schauspieler auch auf ihre Schwächen ansprechen können. Über den Einsatz von Stimme, Körpersprache, Leidenschaft und Vorstellungskraft kann man aus Fachbüchern viel lernen.

Liegt einem guten Theaterstück immer auch ein gutes Skript zugrunde?

Unbedingt. Mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich manche Stücke von Gemeinden lese, die damit kirchenferne Menschen erreichen möchten. Die meisten Texte sind viel zu kirchlich. Jemand, der sonst nicht zur Kirche geht, kann durch diese Stücke glatt hindurchschauen und sagen: Das ist Propaganda! Ich weiß genau, was ihr mir damit unterjubeln wollt. Die meisten Stücke versuchen Antworten zu geben, dabei sollen sie „nur“ Fragen aufwerfen!

Liegt das am frommen Sendungsbewusstsein?

Ich fürchte, die meisten Christen haben keine Ahnung, was es heißt, als Nichtchrist morgens aufzustehen und den ganzen Tag – das ganze Leben – ohne klare Orientierung zu leben. Ohne festen Halt. Aus dieser Sicht müssen die Texte formuliert werden. Und bitte nicht so, dass es immer ein Happy End gibt, weil wir Jesu Schäflein sind. Das sind Inhalte, mit denen sich die Zuhörer identifizieren!

Apropos Inhalte: Wann hast du zum letzten Mal deinen Text vergessen?

Diese Frage zählt für einen Schauspieler zu den schmerzhaftesten…

Tut mir leid.

Ich möchte mich nicht daran erinnern. Es ist so ein blödes Gefühl. Jeder Schauspieler hat diesen Tiefpunkt bereits durchlitten. Man versucht diesen Moment einfach zu verdrängen. Aber der einzige Weg, um über dieses Gefühl hinweg zukommen ist, sich ihm zu stellen.

Gibst du uns ein Beispiel für diesen Tiefpunkt?

Das ist eine quälende Frage. Also gut. Ich musste kürzlich bei einem Stück mit einem Camping-Hocker in der Hand auf die Bühne gehen. Der Hocker spielte eine entscheidende Rolle. Als mein Einsatz kam, war er plötzlich verschwunden. Ich stehe also auf der Bühne ohne Hocker und denke krampfhaft darüber nach, wie ich das Stück noch retten könnte. Währenddessen musste ich mich auch auf

meinen Text konzentrieren. Ich verlor natürlich den Faden. Damit nicht genug: Zugleich musste ich ein klebriges Erdnussbutterbrot essen. Und wenn ich nervös bin, trocknet mein Mund aus… Okay: Blackouts kommen vor. Das macht deutlich: Wenn Theater nicht gut gemacht wird, kann es die Gottesdienstbesucher innerlich distanzieren, eine Predigt aushebeln oder den Glauben schief rüber kommen lassen. Von Bill Hybels habe ich den Lehrsatz: Schlechter als kein Theaterstück zu haben, ist es, ein schlechtes Theaterstück zu haben.

Und wenn Theater gut gemacht ist?

Dann ermöglicht es dem Zuschauer eine bestimmte Situation zu durchleben, indem ein Schauspieler sie für ihn durchlebt. Der Zuschauer fühlt sich dadurch sicher und kann deshalb innerlich viel ehrlicher auf die dargestellte Situation reagieren. Das eröffnet dem Heiligen Geist häufig eine gute Gelegenheit, ins Herz des Zuschauers zu sprechen.

Zweitens: Menschen werden unterhalten. Es ist bewiesen, dass wir alle viel aufnahmefähiger sind, wenn wir uns unterhalten, positiv angesprochen fühlen. Gute Theaterstücke ziehen Menschen immer in ihren Bann.

Drittens: Jeder Gottesdienstbesucher wird an den gleichen Punkt geführt. Der Pastor hat somit eine Steilvorlage, um seine Predigt treffsicher rüberzubringen. Er muss dazu nicht einmal die Aussage des Theaterstücks erwähnen – jeder hat ja gerade das gleiche Erlebnis gehabt. Kopf und Herz sind also für das Thema weit geöffnet!

Viertens: Die Zuschauer lernen den Alltag des Christseins besser kennen und stellen fest: Christen sind in vielerlei Hinsicht genauso wie ich. Auch sie haben ihre Durchhänger, Ängste, Schmerzen. Und sie können auch herzhaft lachen.

Vielen Dank für das Gespräch.