Du beginnst gerade deinen Dienst als Regisseur und brauchst dringend ein paar Basictipps, um die ersten Wochen zu überleben? Dann ist dies der richtige Artikel für dich. Hier bekommst du neun Tipps, wie du eine gelungene Probe durchführst. Los geht´s

Basictipp #1 – Sei verantwortungsbewusst

Schauspieler sind Kinder, die wie Erwachsene angezogen sind.

Gerda Daners, Tourneeleiterin

Welche Typen von Schauspielern sind dir schon begegnet? Mir fallen da so einige ein: Es gibt Schauspieler, die ständig gelobt werden müssen, und andere, die manchmal einen Tritt vors Schienbein brauchen. Manche sind Workaholics, andere meiden die Proben, wo sie nur können. Dann gibt es die Schauspieler, die alles durchdiskutieren müssen und die anderen, die still vor sich hinleiden. Die einen stehen ständig im Mittelpunkt und rufen dich auch nachts an, wenn es ihnen tagsüber nicht gelungen ist. Es gibt verhinderte Regisseure, die nach der Probe mit Vertrauten eine zweite Probe machen, und andere wollen wieder nicht, dass man sich so lange mit ihnen beschäftigt.

Die wohl schwierigste Aufgabe eines Regisseurs ist, aus diesem Haufen von Individualisten ein gut funktionierendes Ensemble zu machen und das Beste aus ihnen herauszuholen. Und jetzt lies ganz genau. Es gibt eine Regel. Wenn du diese beherzigst, wirst du ein genialer Regisseur. Die Regel heißt: Es gibt keine Regel. Genial, oder? Der Artikel hat sich jetzt schon gelohnt 😀

Zum Regie führen gehört viel Feingefühl, Intuition, Menschenkenntnis und ein Ohr für die Belange deines Ensembles. Ein guter Anfang ist es dennoch dir bewusst zu machen, dass du eine hohe Verantwortung hast. Das gilt in zwei Richtungen.

Nach unten – ja, du hast das Sagen. Du hast das letzte Wort. Du hast auch die Verantwortung für das Endergebnis und willst deine Sache gut machen. Die natürliche Tendenz wäre jetzt vielleicht, zu hart zu sein. Aber mach dir bewusst: Du arbeitest mit Menschen. Tu, was du tun musst; aber tu es in Liebe. Kränke deine Schauspieler nicht, denn das hat fatale Auswirkungen.

Ein genialer Vortrag zum Thema: „Die Macht der Kränkung“ zeigt dieses Video. Dieser Vortrag beleuchtet, welche Auswirkungen Kränkungen auf eine Person und die Gesellschaft haben kann.

Nach oben. Das heißt, dass du eine Verantwortung gegenüber den Personen hast, die die Aufführung fördern – sei das nun dein Pastor oder ein übergeordneter Regisseur. Wenn du etwas an den Abläufen änderst, lass‘ es sie wissen. Gib ihnen außerdem regelmäßige Lageberichte über den Fortschritt der Produktion. Falls es ein Problem gibt, teile es ihnen unbedingt mit. So, wie du eine Anlaufstelle für deine Schauspieler bist, sollen der Pastor oder der Regisseur eine Anlaufstelle für dich sein.

Basictipp #2 – Sei gut vorbereitet

Ein Regisseur muss gut vorbereitet sein. Sinnvoll ist, wenn man das Buch schon auswendig kennt – ich vergesse mein Buch immer zu Hause – und mit dieser Sicherheit auf die Probe geht. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man soviel über das Stück weiß, dass einen außer den Schauspielern nichts mehr erstaunen kann. Wenn die Schauspieler diese Sicherheit spüren, bekommen sie großes Vertrauen.

Peter Zadek

Wie gut bist du vorbereitet, wenn du in eine Probe gehst? Dieser Tipp fällt unter den Punkt „Dienendes Leiten“ und ich kann es nicht oft genug sagen: Der Regisseur muss sich besser im Stück auskennen, als seine Schauspieler. Ich sollte Textstellen schneller finden, als jeder andere in der Probe. Bevor ich in die erste Probe gehe, mache ich mir Gedanken über das Stück und erstelle ein paar Pläne, z.B. einen Szenen- oder Auftrittsplan. Bei den Proben selbst, solltest du immer dein Skript zur Hand haben. Eine Vorstellung davon, wie weit die Aufführung in jeder Übungsstunde vorangeschritten sein muss, hilft allen, einen Überblick zu haben und schafft Vertrauen.

Du musst allerdings nicht mit einem fertigen Probenplan zur ersten Probe erscheinen. Es kommt häufig vor, dass ein Regisseur mit einem Plan erscheint, der genau festlegt, wer wann wohin geht und die Sätze wie spricht. Das hat oft mit einer Angst zu tun, Fragen nicht richtig beantworten zu können, als schwach zu gelten oder weil sie es als ihre Aufgabe ansehen, eine komplette künstlerische Vision umzusetzen.

Ich persönlich halte es für wichtig, ein Stück mit den Schauspielern gemeinsam umzusetzen. Eine Probe heißt ja schließlich auch Probe, weil man probiert. Ich finde es wichtig, dass ich eine Vision habe, ein Ziel verfolge und ein Anliegen habe, dass ich umsetzen will. Aber nicht zu dem Preis, dass sich die Schauspieler als Marionetten in der Hand des Regisseurs fühlen. Nur wenn wirklich Zeitnot herrscht (und dann auch nur mit dem Einverständnis der Schauspieler) halte ich vorgefertigte Regiepläne für sinnvoll.

Noch eine Sache: Sei bei den Proben möglichst als erster da. Das hilft dir, dich auf deine Probenarbeit einzustellen, du kannst jeden begrüßen und zeigst, dass dir die Proben wichtig sind.

Basictipp #3 – Nutze deine Kreativität

Ich finde es ziemlich genial, wie aus dem „Nichts“ eine fertige Bühnenproduktion entsteht. Da war vorher wirklich gar nichts und jetzt stehen dort Figuren, Dramen und eine gute Geschichte. Wenn wir kreativ werden, dann leben wir nach dem Ebenbild unseres Schöpfers, der ziemlich kreativ war und aus dem Nichts dich und mich geschaffen hat.

Zögere nicht, deiner Kreativität freien Raum zu lassen. Alles ist möglich und du darfst damit experimentieren. Zögere nicht, einen Dialog zu verändern, wenn er nicht funktioniert. Denke daran, wie sich das Anspiel anfühlt und was es vorantreibt, und halte das Ergebnis in Einklang damit. Ermutige deine Schauspieler, ihre Gedanken mit einzubringen. Alle meine Skripte werden bei den Proben überarbeitet und sind danach besser als der erste endgültige Entwurf. Scheue dich nicht, deinen Instinkten zu folgen. Wenn deine erste Priorität Gott ist, wird er dir bis zum Schluss beistehen. Darum auch der zweite Punkt.

Hältst du dich selbst für kreativ? Ich hoffe doch sehr.

Basictipp  #4 – Nimm Gott mit rein

Mach dir bewusst, dass du von Gott in deine Aufgabe gesetzt wurdest. Du machst es, weil er dich begabt hat und dich an diesem Platz haben will. Alles, was wir auf der Bühne tun, ist geistlich. Denn alles was wir tun, tun wir zur Ehre Gottes. Das letztendliche Ziel unserer Schauspielarbeit ist, Gottes Herrlichkeit in dieser Welt bekannt zu machen. Das sollte Auswirkungen auf deine Regiearbeit haben.

Röm 8,29: „Schon vor aller Zeit hat Gott die Entscheidung getroffen, dass sie ihm gehören sollen. Darum hat er auch von Anfang an vorgesehen, dass ihr ganzes Wesen so umgestaltet wird, dass sie seinem Sohn gleich sind. Er ist das Bild, dem sie ähnlich werden sollen, denn er soll der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein.“

Mach dir darüber Gedanken, was das für deine Gruppe bedeutet und handle danach. Wir tun unsere Arbeit nicht aus unserer eigenen Kraft – sondern in Seiner. Die Abhängigkeit von Gott ist eine Eigenschaft, die wir zu einem festen Bestandteil unseres Lebens sowohl auf als auch abseits der Bühne machen sollten.

Basictipp  #5 – Bleibe effektiv

Die Schauspieler wollen nicht nur, dass der Regisseur weiß, was er will, sondern auch, dass mit ihrer kostbaren Zeit zweckmäßig umgegangen wird. Ihr Arbeitswillen und ihre Leistung steigern sich, wenn sie nicht stundenlang warten müssen, nur um am Ende einen kurzen „Auftritt“ zu haben.

Die Probenzeit zu überziehen, darf kein Problem darstellen. Manchmal beißt man sich einfach an einer bestimmten Stelle fest und muss noch ein bestimmtes Pensum schaffen. Darum habe ich es mir angewöhnt die Probenzeit immer ein wenig länger anzugeben als ich tatsächlich plane. Mit Schauspielern, die mit ihren Gedanken schon beim Abendessen sind, kann man nicht sehr viel anfangen. Wenn möglich, sollte man die Probenzeit jedoch nicht überziehen.

Basictipp #6 – Vormachen

Hier bin ich, ehrlich gesagt, ein wenig zwiegespalten, darum würde mich zu diesem Punkt deine Meinung interessieren. Vormachen oder lieber nicht? (Schreib mir unter diesen Artikel einen Kommentar) Hier kommt meine Meinung dazu:

Lass es besser! Du solltest es so oft wie möglich vermeiden selbst auf der Bühne zu zeigen, wie etwas gesagt oder gespielt werden sollte. Wahrscheinlich wird der Schauspieler zum Nachplapperer und Wochen brauchen, um das, was du ihm vorgemacht hast, mit eigenem Leben zu füllen. Vielleicht ist deine Schauspielerführung hervorragend und du kannst auch gut schauspielen, doch mach es ihm nicht vor.

Sollte es sich wirklich nicht vermeiden lassen, weil die Zeit drängt und er dich vielleicht überhaupt nicht versteht, dann biete ihm zumindest verschiedene Varianten an, murmel irgendwas von so ähnlich oder so und zieh dich zurück. Damit lässt du ihm ein Mindestmaß an eigener Entscheidung und du lässt ihm die Möglichkeit sich leichter für einen Vorschlag zu entscheiden.

Aber was kannst du stattdessen machen?

Fehler machen lassen

So wie du das Recht hast Fehler zu machen, so solltest du auch den Schauspielern ein Recht auf verrückte Ideen, Irrwege, falsche Überlegungen und Sackgassen zugestehen. Je fehlerfreundlicher du bist, desto mehr steigt die Lust am Ausprobieren und Finden. Solange der Schauspieler sich traut, auch ungewöhnliche Vorschläge zu machen, steigen deine Auswahlmöglichkeiten. Das hat natürlich auch Grenzen, und irgendwann ist Schluss mit Ausprobieren – beide Seiten müssen sich festlegen.

Laufenlassen

Was meine persönliche Methode betrifft: Ich lasse in den ersten Proben den Schauspieler ´laufen´. Das heißt, ich lasse ihn spielen, wie er ohne meine Einflussnahme spielen würde. So versuche ich die Kräfte aufzuspüren, die er mir von sich aus für meinen Inszenierungsgedanken mitbringt.

Otto Falckenberg

Diskutieren

Führe Zeiten ein, in denen diskutiert wird, und Zeiten, in denen geprobt wird. Vor allem wenn die Proben schwierig sind, sollten diese Zeiten stark voneinander getrennt sein. Wenn zuviel diskutiert wird ist die Wahrscheinlichkeit, noch in die Proben zu finden, sehr schwierig. Am besten ist es, wenn nach der Probe diskutiert wird.

Fragen stellen

Fragen stellen ist wunderbar. Ein Freund sagte mir immer wieder: „Ruben, du musst lernen die richtigen Fragen zu stellen.“ Die richtigen Fragen zu stellen, bietet die Möglichkeit, über das Erarbeitete nachzudenken. Dabei geht es aber nicht darum, den Schauspieler zu kritisieren, sondern es einfach „in Frage zu stellen“. Dabei kann herauskommen, dass man auf dem richtigen Weg ist oder nicht.

Fragen stellen ist wertfrei, bezieht alle mit ein und kann doch die Entwicklung in eine bestimmte Richtung lenken. Lässt ein Schauspieler bei Kritik oft alles bisher Gespielte weg, so betrachtet er die als Frage formulierte Gedanken als Bereicherung und fügt sie seinem Spiel hinzu.

Basictipp  #7 – Beende Proben in guter Stimmung

Ich beende die Treffen immer gern mit einem gelungenen Durchlauf – das gibt den Schauspielern etwas, an das sie sich erinnern können. Es ist auch im Hinblick auf den Antrieb einer Szene nützlich. Ein weiterer Vorteil, wenn man in guter Stimmung aufhört: Es motiviert für die nächste Probe.

Basictipp  #8 – Ordne Unterbrechungen an und erhalte den Schwung

Ein Skript hat ein Gefühl von Flow (Fluss), Impuls, Bewegung, Schwung, und wenn die Schauspieler jede Zeile kennen, aber keinen Flow haben, wird das Stück leblos wirken. Wenn sie sich des Flows bewusst sind und eine Zeile vergessen, werden sie besser dafür gerüstet sein, neu anzusetzen und weiterzumachen. Wenn etwas korrigiert werden muss, überlege, ob unterbrochen werden soll oder ob es bis nach diesem Durchlauf warten kann.

Manchmal muss sofort unterbrochen werden; z. B. beim Auslassen von Schlüsselstellen, die im Dialog behandelt werden müssen. Ebenso bei allem, was dazu führt, dass die Schauspieler den Flow verlieren und bei allem, was einen Mitschauspieler ernsthaft verwirrt. Wenn möglich, lass‘ den Durchlauf weiterlaufen, denn das wird sehr dazu beitragen, dass die Schauspieler den Antrieb des Skripts beibehalten.

Basictipp  #9 – Halte Abschweifungen der Schauspieler in Grenzen

Schauspieler sind meistens kreative Menschen, die etwas wiederholt vorspielen (Probe). Ab und zu müssen sie sich ein bisschen abreagieren und abschweifen. Wenn sie das tun, lass‘ sie sich abreagieren – und wenn sie entspannter wirken, nimm sie wieder mit hinein. Ab und zu wird es so aussehen, als ob sie nicht wieder zur eigentlichen Aufgabe zurückkommen würden (und vielleicht tun sie das auch nicht); dann bitte ich alle um Aufmerksamkeit und sage so etwas wie „Okay, Leute, tief durchatmen und jeder zurück in seine Rolle“. Das ist vielleicht ein guter Augenblick für eine Pause – falls es besonders schlimm ist, setz‘ die Pause einfach durch. Derart behutsam mit Abschweifungen umzugehen, ist nicht leicht und verlangt ein wenig Übung.

Das waren natürlich noch lange nicht alle Tipps, die du als Regisseur brauchst, aber wenn du diese Tipps beherzigst, solltest du deine ersten Proben gut über die Bühne bekommen.

Welchen Tipp würdest du einem „frischen“ Regisseur mitgeben? Schreib es uns in die Kommentare und hilf angehenden Regisseuren einen genialen Start hinzulegen.