Theater und Kirche nähern sich wieder an: in Theaterpredigten oder Aufführungen in (Kultur-)kirchen beispielweise. Eine Trendbeschreibung von Jens Fischer im Theatermagazin DIE DEUTSCHE BÜHNE

Geschwisterliebe ist für Außenstehende schwer zu verstehen.

Gerade wenn es sich um Zwillinge handelt, die um Individuation kämpfen. Mal haben sie sich innigst gern, dann wieder müssen sie furchtbar miteinander zanken. Solche Zwillinge sind Kirche und Theater.

Seiner Geburt aus den kultischen Handlungen der Antike folgte dank Oster- und Krippenspielen eine Wiedereingemeindung in die religiöse Praxis, nach endlosen Reibereien dann erneut die Emanzipation – und Exkommunikation. Aktuell aber verlieren Widersprüche an Gewicht. Wir hätten es schließlich mit den „letzten öffentlichen, nicht verzweckt, utilitaristisch, kommerziell genutzten Räumen in unseren Städten zu tun, in denen man gemeinsam etwas erleben, unbequeme Fragen bequem stellen und dunkle Seiten des Menschen ausleuchten kann“, betont Thomas Bockelmann, der sich seit 19 Jahren in seinen Intendanzstationen Münster und Kassel für Kooperationen engagiert.

„Wir wenden doch gleiche Mittel an, die Religion nennt es Nächstenliebe, wir nennen es Empathie, die Kunst des sich Anverwandelns.“

So ließen sich gemeinsame Aufgaben angehen: Sinnproduktion, Werte hinterfragen, Entwerfen von Utopien. Eine frische Lust auf strategische Partnerschaft macht also Sinn. Schließlich haben Kirche und Theater in unserer endlich säkularen Welt einen großen Teil ihrer Gemeinden verloren.

Herzallerliebst egal scheint es, wie Kirche als moralische und Theater als künstlerische Institution die Welt interpretieren. Bühnenhäuser werden geschlossen – und Gotteshäuser abgerissen bzw. zu Seniorenheimen, Cafés, Kitas, Kolumbarien, Kulturzentren oder Garagen umgebaut.

Kein Wunder also, dass beide Institutionen landauf, landab die jeweils verbliebene Fanbasis nutzen wollen, um miteinander füreinander zu werben. Unabhängig von den gegenseitigen Ängsten. Theater entkleidet gern aufklärerisch die Welt von Lebenslügen – und kann ästhetisch bezaubern beim Entzaubern.

Kirche will ihre Deutungshoheit mit Alleinvertretungsanspruch gegenaufklärerisch behaupten, bietet sich also als Therapeutin des Theaterlebnisses an, betäubt die offen gelegten Wunden, überführt Fragen in christlich tröstende Antworten: Du wirst geliebt, Leben ist sinnvoll, alles wird gut, Vater unser… Theater kann also kein Kirchenersatz sein – und umgekehrt. Obwohl ihre Aufführungen ähnlich sind.

Der Sakralbau ist die Raumbühne des heiligen Theaters, Ornat auch ein Kostüm, der Pastor ein exegierender Dramaturg und mitspielender Regisseur, mit dem Einsatz von Musik und Publikumsanimation soll Atmosphäre verstärkt und die Botschaft besser verkauft werden. Allsonntäglich ein Klassiker zum Wiedererkennen – mit Amen und Predigtlied statt Geklatsche und vier Vorhängen.

„Mit der Bibel liegt der Kirche aber nur ein Geschichtensammelband vor, dem Theater steht die ganze Vielfalt der Weltliteratur zur Verfügung“,

stichelt Bockelmann. Zudem gelte eine unterschiedliche Verabredung: „Im Theater tun wir nur so als ob, wir spielen, Kirchengänger glauben an den Wirklichkeitsgehalt ihrer Rituale.“ Die Transsubstantiation des Fleisches lasse Oblaten zu realen Kostproben des Leibs Jesu werden.

Derweil erleben verzweifelte Gottsucherstücke auf Stadttheaterbühnen eine Renaissance.

Gern werden auch die Zehn Gebote, alle Todsünden und die Genesis inszeniert. Das Bremerhavener Theater bietet ab 28. März eine Fahrt zu den letzen Dingen an: Mit dem Seebestattungsschiff MS „Geestemünde“ geht es durch die Wesermündung hinaus auf den Hades, wo sich Sterbeexperten (Pastor, Bestatter, Hospizkraft, Palliativschwester) mit dem Tod auseinandersetzen. Eine Kooperation mit der Kulturkirche, vor der Intendant Ulrich Mokrusch zuerst respektvoll Beißhemmungen hatte, dann aber ihr Mitbegründer wurde.

Bühnenkünstler geben bundesweit Konzerte und Lesungen in solchen Kirchen, zeigen dort, wie der göttliche Geist im irdischen Tanzkörper sich äußert oder führen „Nathan der Weise“ auf. In Osnabrück wird gerade die Melanchtonkirche zur Kammerspielbühne umgebaut, nachdem im großen Haus vor großem Publikum bereits ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert wurde.

Bockelmann schätzt Rotweinabende, um mit kirchlichen Würdenträgern über Homosexualität und das Zölibat zu streiten. „In Münster habe ich im Dom gegen den Golfkrieg einen an George Bush gerichteten Brief eines amerikanischen Bischofs vorgelesen – das gab tosenden Applaus, was in einer Kirche ja sonst verboten ist.“ Auch eine Rezitation der kompletten Bibel hat das Theater dort veranstaltet, dreieinhalb pausenlose Tage lang.

Absoluter Hit der geistig-geistlichen Zwillingsaktivitäten sind Theaterpredigten. In Kassel heißen sie „Inspiriert“, in Münster „Abends ins Theater, morgens in den Gottesdienst“. Bockelmann: „Dann ist es in den Kirchen immer voller als sonst an Sonntagen.“ Meist geht es um theologische Kommentierung einer Aufführung. Sie ist nur Mittel zum Zweck der Glaubensstärkung.

Das zweite Predigtkonzept bietet ein Nebeneinander. Zu Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ bietet die Dramaturgin Regula Schröter in Bremen so charmant wie hintergründig eine verlängerte Stückeinführung dar, zwischendurch wird aus dem Werk zitiert wie für einen Klassikergottesdienst, der Raum spendiert heiligenden Hall dazu, bis die Chefin der Kulturkirche im pastoralen Tonfall ihre Aufführungseindrücke vom Blatt abliest, auf Bibelstellen hinweist, durch die Flüchtlinge ziehen oder in denen Asyl gewährt wird. Zum Finale dann der moralische Appell: „Gewährt Gastfreundschaft.“

Das dritte Konzept ist die Gesprächspredigt: Keiner hat von vornherein Recht, sondern Pastor und Theatermensch wollen wirklich miteinander denken, vor Zuhörern voneinander lernen – so findet der Kunst-Kirche-Dialog zu seinen Zwillingswurzeln zurück. Amen.

Anm. der Redaktion: Geistlichen Beistand bekommt das Stadttheater Konstanz – kurz vor Redaktionsschluss erreichte uns die Meldung, dass Intendant Christoph Nix bis Ende März einen Priester aus Peru eingeladen hat, Theater und Mitarbeiter näher kennenzulernen.
Der Beitrag von Jens Fischer ist in Heft 3/2015 des Theatermagazins DIE DEUTSCHE BÜHNE erscheinen. Hier kannst du das Einzelheft mit dem Artikel bestellen.